Institut für Deutschlandstudien (IfD) am Center for International Studies (CfiS)




Partner des Instituts
für Deutschlandstudien:

Deutsche Botschaft Minsk
 
Robert Bosch Stiftung GmbH
 
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
 
IRZ-Stiftung

 
Goethe-Institut Minsk

Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM)

Konrad Adenauer Stiftung e.V.

IBB INTERNATIONALE BILDUNGS-UND BEGEGNUNGSSTÄTTE IN MINSK

HOME >> NEWSARCHIV

  Die Rettung war erfolgreich!
zurück

Die Rettung war erfolgreich

Wer hätte sich das vorstellen können. Nach illegaler Schließung der Europäischen Humanistischen Universität (EHU) Minsk durch die alles andere als fristgerechte Kündigung der Mieträume und den darauf begründeten Entzug der staatlichen Lizenz am 27.7.2004 standen die Studenten und Dozenten buchstäblich auf der Straße. Trotz wiederholter Beteuerungen des belarussischen Bildungsministeriums, alle EHU-Studenten würden ohne finanziellen Nachteile und Repressalien einen Studienplatz an staatlichen Universitäten erhalten, sah die Realität ganz anders aus – wie so oft in diesem Land, das von Willkür und Vetternwirtschaft lebt. Ganz davon abgesehen, dass die Studenten auf eine geringe (Hilfs-)Bereitschaft, eher Unverständnis an staatlichen Universitäten stießen, erlebten sie vielmehr eine Demütigung, die sie als Fremde im eigenen Land fühlen ließen. Obwohl das Niveau an staatlichen Universitäten objektiv niedriger ist als an der EHU, müssen sie im Laufe des Wintersemesters Dutzende von kostenpflichtigen Examen nachschreiben, einen höheren Semesterbeitrag als an der EHU leisten und dazu noch ein schlechteres Lehrangebot in Kauf nehmen – falls dieses überhaupt mit dem westlich orientierten Studium an der EHU vergleichbar ist. Die Sorge ist groß, dass bei Nichtbestehen einer dieser Prüfungen der/die Student/in irgendwann exmatrikuliert werden könnte – quasi als Beweis für die oft geäußerte und freche Behauptung, dass ja an der EHU nichts gelernt worden sei.
Kein Wunder, dass sich viele Studenten an die ausländischen Institute an der EHU wandten und um Unterstützung baten. Am Institut für Deutschlandstudien wurde noch vor Umzug in die Räumlichkeiten der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte (IBB) Minsk die Idee geboren, deutschsprachigen Studenten des letzten Studienjahres ein einjähriges Studium in Deutschland unter freien Bedingungen zu ermöglichen. Eine Welle der Unterstützung lief an. An erster Stelle stand die Europa-Universität Viadrina, deren Präsidentin Prof. Schwan spontan 40 Studienplätze für Jura-, Wirtschaft- und Philosophie/Kulturologiestudenten bereitstellte. Schließlich erklärte sich nach Fürsprache von Prof. Segbers auch die Freie Universität (FU) Berlin bereit, 17 Studenten der Informatik, Psychologie und sogar zwei Jurastudentinnen des 4. Studienjahres aufzunehmen. An der Hochschule für Bildende Künste Saarbrücken studieren inzwischen 6 Kunststudenten des 4. und 5. Studienjahres. Ein Wirtschaftsstudent des 4. Studienjahres ist an der Universität Zittau untergekommen.
Eine Schwierigkeit bestand in der Finanzierbarkeit dieses wohl einmaligen Projekts. Das Auswärtige Amt Berlin, im Zusammenspiel mit der Deutschen Botschaft Minsk, stellte überraschend 24 Stipendien zur Verfügung. Darauf folgten dank guter Kontakte zur Außenstelle Warschau 10 Stipendien der Konrad-Adenauer-Stiftung und 5 Stipendien der Böll-Stiftung. Nach einem öffentlichen Aufruf und zahlreichen Artikeln in der deutschen Presse können bis dato zwei weitere Stipendien in Höhe von jeweils 4100.- Euro für 10 Monate aus Privatspenden gewonnen werden. Flankierende Maßnahmen, wie die Intensivsprachkurse des Goethe-Instituts Minsk und die Finanzierung von Gastdozenturen ehemaliger EHU-Dozenten an den betreffenden deutschen Hochschulen durch die Robert Bosch Stiftung, kommen den Studenten kostenlos zugute.
Die Vorbereitungen liefen am Institut für Deutschlandstudien zweieinhalb Monate auf Hochtouren: Bei einer Gruppe von fast 70 Studenten, 4 verschiedenen Universitäten und mehreren Finanzierungsquellen waren diese nicht immer leicht zu bewerkstelligen. Im Übrigen leisten die Studenten auch selbst einen finanziellen Beitrag – und zwar ihre im letzten Studienjahr an der EHU festgesetzten monatlichen Studiengebühren. Aus diesem „Solidarfond“ können immerhin 12 Stipendien für das ganze Studienjahr vergeben werden.

Es bleibt bei all der gut gemeinten Hilfe die Frage, was es den Studenten außer ihrer akademischen Freiheit bringt, ein Jahr in Deutschland zu studieren und am Ende dieses Jahres ein „Exil-“EHU-Diplom verliehen zu bekommen, das aller Voraussicht nach weder in Belarus, noch in Deutschland anerkannt sein wird. Bei ersterem dürfte nur ein Systemwechsel die Wiedergründung der EHU und Anerkennung ihrer Abschlüsse ermöglichen, bei letzterem müsste wie am Beispiel der Schließung des Jakub-Kolas-Lyzeums im Sommer 2003 die Kultusministerkonferenz (KMK) für die EHU-Studenten eine ähnliche Lösung finden – die Anerkennung des EHU-Diploms als qualifizierter Abschluss zur Aufnahme eines regulären (Aufbau-)Studiums in Deutschland oder sogar in ganz Europa.
Das Institut für Deutschlandstudien wird in Minsk als Programmteil der IBB weiterarbeiten. Die Voraussetzungen dafür sind nicht günstig, wenn man den jüngsten Äußerungen des Staatsoberhauptes (nicht nur) im Wahlkampf Glauben schenkt. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Unterstützung der deutschen Partnerorganisationen, für die noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, damit das IfD auch ohne direkte Anbindung an eine Universität seine Studienprogramme anbieten kann. Die Eingliederung in eine staatliche Universität, wie sie von manchen Stellen in Deutschland ohne Kenntnis der politischen Situation gefordert wird, könnte ohne Zweifel das Ende eines wichtigen demokratischen Wertes bedeuten, für den das Institut für Deutschlandstudien immer gestanden hat – für die Freiheit der Lehre und Forschung.


Minsk, den 22.10.2004

Tobias Knubben
IfD-Geschäftsführer

zurück

© IfD