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Die kritische Masse Rektor Michailow lehnt Rücktrittsforderung von Minister ab
Schlau eingefädelt war der Coup, der die gesamte Europäische Humanistische Universität (EHU) in Minsk ins Wanken bringt. Zurücktreten solle der Mitgründer und Rektor der einzigen privaten Uni des Landes Belarus, Prof. Anatoli Michailow. Dann wäre die Verlängerung der Lizenz gesichert, die zur staatlichen Anerkennung der Studienabschlüsse notwendig ist. Der 64jährige Rektor ist der Geist dieser Uni. Die Sowjetzeit überwinterte er an der Belarussischen Staatlichen Universität am Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie. Martin Heidegger gehört zu den beliebtesten Philosophen des Rektors, der in den 60-er Jahren in Jena promovierte. Nach der Unabhängigkeit von Belarus nutzte er die neue Freiheit und gründete vor fast 12 Jahren die Europäische Humanistische Universität mit Unterstützung u.a. der amerikanischen Soros-Stiftung, der orthodoxen Kirche und später auch von Frankreich und Deutschland. Die Drohung sprach der Bildungsminister des Landes, Alexander Radkov, am 21.1.2004 persönlich aus und musste sich daraufhin in der Runde der EU-Botschafter in Minsk, die sich zwei Tage später bei ihm einfanden, dafür rechtfertigen. Die flammende Rede des französischen Botschafters, der die Bedeutung der EHU und den Verdienst Michailows daran unterstrich, schien den erst vor kurzem zum Minister ernannten ehemaligen Rektor einer Provinzuniversität zu beeindrucken. Ob das reicht, um die Situation zu retten, bleibt fraglich. Denn nicht die gesamte Hochschuleinrichtung, sondern nur die Person Michailow hat der Minister in Frage gestellt. Jener könne als Angestellter der Uni weiterhin beschäftigt bleiben. Nur den Posten des Rektors solle er frei machen – für einen Nachfolger, der der Regierung näher stehe – doch letzteres blieb unausgesprochen. Aber die Nachricht ist unmissverständlich. Wie zur selben Zeit bekannt wurde, wird Prof. Michailow im März in Weimar als ersten Belarussen die Goethe-Medaille überreicht. Eine Auszeichnung, die mit dem Bundesverdienstkreuz vergleichbar ist.
Der Rektor sagt schon seit Jahren, dass ihm das Hochschulmanagement keinen Spaß macht und viel lieber forschen und seine philosophischen Studien weiter vorantreiben möchte. Diese Möglichkeit steht ihm nun offen. Doch reiner Erpressung einfach stattgeben? Das würde ihm viel von seiner Glaubwürdigkeit kosten. Spricht er doch immer von der kritischen Masse, die er an seiner Uni heranziehen will. Junge Menschen, die sich kritisch mit ihrer Umgebung, Geschichte und gesellschaftlichen Verantwortung auseinandersetzen. „Business as usual“ war die erste Reaktion des Rektors, eine Auslandsreise nach Österreich stand auf dem Programm. Währenddessen haben sich Studierende und Mitarbeiter der Universität mit ihrem Rektor solidarisiert und richten einen offenen Brief an den Bildungsminister. Aufgrund der vielfältigen Unterstützung aus dem In- und Ausland entschied Michailow, sich nicht dem Duktus des Bildungsministers zu beugen. Dementsprechend besiegelte er im Rahmen einer Geschäftsreise zusammen mit dem amtierenden Direktor des IfD, Herrn Tobias Knubben, an der Partner-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder den ersten deutschsprachigen Masterstudiengang in Belarus, der im März an der EHU in Kooperation mit den Frankfurtern anläuft. Ein Programm, das maßgeblich vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) gefördert wird. Über 40 Prozent der Etats der Uni kommen aus dem Ausland. Wie werden sich die Förderer verhalten, wenn die Regierung die Lizenz nicht verlängert? Die Frage, ob sie mit Drohungen und Geldentzug etwas bewirken können, bleibt vorerst ungeklärt. Die Gefahr besteht, dass sich ein neuer Kurs im belarussischen Bildungswesen durchsetzt. Dazu gehört die Einführung eines fragwürdigen Unterrichtsfachs „Nationale Ideologie“. Und die willkürliche Entlassung des Rektors der Belarussischen Staatlichen Universität, dem vorgeworfen wurde, Gold gestohlen zu haben. Zwei Tage nach der Entlassung wurde der Vorwurf aufgehoben – der loyalere Nachfolger blieb im Amt. Zuvor wurde das humanistische Institut der Universität, das vor allem jüdische Forschung betreibt, in eine Fakultät umgewandelt und damit faktisch geschlossen. Das einzige belarussischsprachige Lyzeum (8. bis 11. Klasse) wurde letzten Sommer geschlossen, nachdem sich Schüler, Eltern und Lehrer gegen die Neubesetzung des Rektorats mit einer Frau wehrten, die der Unterrichtssprache nicht mächtig ist. Die verbliebenen 120 Schüler, die sich nicht der Zwangszuweisung auf andere Schulen beugten, werden im Rahmen von gesetzlich zugelassenen Konsultationen auf ihre Abschlussprüfung vorbereitet. Der Unterricht findet in Privaträumen und Büros statt. Keiner weiß, ob diese Prüfungen als Zulassung zu den Universitäten des Landes ausreichen werden. Die EU-Staaten haben diese Anerkennung bereits zugesagt. Ein Trost, der allerdings die jährlich steigende Abwanderung der Bildungseliten noch potenzieren wird. Ein beängstigender Trend dem Rektor Michailow mit seiner Uni Einhalt gebieten wollte…
Wir werden es uns nicht nehmen lassen, Sie über die weiteren Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten!
Von Ina Werner
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